Lias Geschichte
Ich habe mich sehr schnell für die Abtreibung meines dritten Kindes entschieden. Ich war mitten im Studium, wir hatten wenig Geld, glaubte ich zumindest, die Partnerbeziehung war ziemlich angeknackst und die Kinder haben mich überfordert. Ich habe mir gedacht, jetzt muss ich auch mal an mich denken und auch an die anderen beiden Kinder.
Ich habe nur wenigen Menschen davon erzählt. Warum?
1. Scham. Mein eigenes Gewissen sagte mir tief innen drin, dass es falsch ist, jemanden abzutreiben. Dass es Tötung ist, klar. Und ich wollte mich dem nicht stellen.
2. Paradoxerweise ist der zweite Grund Angst vor Ermutigung zur Abtreibung. Und das ist, was ich bekommen habe. Meine Situation war ja so verständlich! Die Entscheidung so vernünftig, so frei und selbstbestimmt!
Ich habe mich nach jemandem gesehnt, der meinem rebellierenden Gewissen eine Stimme verleiht, mich herausfordert oder mir gleich sagt “weißt du eigentlich, was du da tust?!”. Gleichzeitig hatte ich Angst vor so einer Stimme und habe es vermieden, mit den Menschen in meinem Leben darüber zu sprechen.
Und dann war es passiert. Weil es so einfach ist, eine Abtreibung zu haben. Es geht so schnell. Die Erlaubnis, der Termin, das Prozedere. Alles. Alles durchlief ich wie mit Scheuklappen. Alles, was ich als Gründe und Erklärungen in den notwendigen Gesprächen vorher angeführt hatte, wurde genau so hingenommen. Kein Nachfragen, keine Ermutigung, kein Nachforschen.
Die Abtreibung hat in einer Einrichtung der Pro Familia stattgefunden. Wie paradox, dachte ich.
Alles war sehr diskret. Die Adresse lag etwas versteckt mitten in einem ruhigen Wohngebiet, keine großen Schilder am Haus, die verrieten, was dort geschieht. An den Namen der Stadt kann ich mich nicht erinnern.
Der abtreibende Arzt war männlich. Bei den Geburten hatte ich mich immer vehement gegen die Behandlung durch einen männlichen Gynäkologen gewehrt. Aber in diesem Moment handelte ich ja ohnehin schon gegen meine Prinzipien, warum nicht auch gegen dieses. Ich erniedrigte mich selber, vor mir selber.
Ich weiß noch, dass ich beim Vorgespräch fragte, was mit den Babys passiert. Man antwortete mir ehrlich, neutral und nüchtern, dass sie über den Müll der Praxis entsorgt werden. Warum fragte ich das? Ich weiß es nicht. Die Antwort fand ich trauig irgendwie, aber es kam nicht an mich ran. Ich fühlte es nicht wirklich. Es war so weit weg, mein Gefühl, ich selber. Ich war taub und mir meiner Diskrepanz doch bewusst. Aber nur entfernt, vielleicht.
Es erschien beinahe grotesk, dass an der Decke über dem Behandlungsstuhl eine beruhigende, friedliche Malerei in hellblau platziert war. Es hatte was von Himmel. Und ich lag dort und wusste, ich bringe jetzt einen Menschen um sein Leben. Über mir die Malerei, um das Wohlbefinden von mir als “Patientin” zu steigern, mich zu berhuigen. Eine Assistentin war auch da und wollte meine Hand halten. Als ob ich Beistand bräuchte, als ob ich Bedürftig wäre – und nicht mein Kind. Nein, um das Kind ging es nicht. Ihnen war nicht bewusst, dass ich hier Täterin bin und nicht Opfer. Das wahre Opfer in der Situation wurde geflissentlich tot geschwiegen, es existierte nicht in ihren Augen und gleich würde es tatsächlich nicht mehr existieren.
Als das Geräusch kam, das Geräusch, das alles beendete, verabschiedete ich mich sofort von meinem Baby in Gedanken, ich entschuldigte mich und ich produzierte eine Annahme und Hoffnung, dass es zu einem späteren Zeitpunkt in mein Leben kommen dürfe, dass ich es dann wiedersehen würde. Ich weiß eigentlich, dass das nicht möglich ist. Stille Tränen liefen mir über die Wangen.
Im Ruhezimmer war ich plötzlich in großer Gesellschaft. Viele Frauen waren mit mir in dem Raum, alle auf ihren Feldbetten. Eine Krankenschwester kümmerte sich um eine junge Frau, die aufgelöst war, weinend viele Fragen stellte und immer noch auf das Ultraschallbild schaute. Es waren Zwillinge. Die Schwester beharrte darauf, dass ihre Entscheidung richtig war. Eine andere Frau telefonierte, ganz abgeklärt, und erkundigte sich wohl nach einem Baby, dass sie zuhause gelassen hatte.
Ich wollte in Ruhe gelassen werden. Ich sprach nicht mit meinem Partner, der mich nachhause fuhr. Im Auto kamen die Krämpfe. Ich wollte es, ich wollte Schmerzen haben. Vielleicht sehnte ich mich nach Strafe? Zuhause kam meine beste Freundin mich besuchen, als würde sie jemand Kranken nach einer ganz normalen OP besuchen! Ich winkte ab, ich wollte niemanden sehen.
In den Tagen darauf lies die Blutung schnell nach. Ich weiß noch, dass ich das missbilligte, dass alles so reibungslos verlief, dass es so einfach gewesen war, diesen Menschen auszulöschen, ohne, dass es jemand mitbekommen würde. Dieser Kampf fand still in mir statt, unterdrückt, aber stetig.
Wir waren in den Urlaub gefahren, als wäre nie was gewesen. Außer, dass ich mich ständig absonderte und sehr schlechter Laune war. Aber von der Abtreibung wurde nie wieder auch nur eine Silbe gesprochen, von niemandem.
Heute würde ich sagen, dass meine Kinder wahrscheinlich letztendlich mehr unter der Abtreibung gelitten haben als sie es unter einem weiteren Geschwisterchen getan hätten. Ich konnte es mir nicht verzeihen, ihren Bruder oder ihre Schwester abgetrieben zu haben. Die Abtreibung hat der Partnerbeziehung den letzten Rest gegeben und wir haben uns getrennt.
Ich wünschte, man hätte mich damals nicht ach so gut verstanden, sondern mir Mut gemacht. Mut, dass eine Entscheidung für das Leben eine gute ist, und zwar immer. Dass das neue Leben auch mir und der Familie neues Leben bringt, trotz all der Schwierigkeiten, die real sind aber dennoch kein absolutes Hindernis darstellen. Ich wünschte, ich wäre mir damals bewusst gewesen, dass das Willkommenheißen meines Kindes eine sehr mutige Entscheidung gewesen wäre und ich darauf mehr als stolz hätte sein können. Ich wünschte, ich hätte damals gewusst, dass jedes und wirklich jedes Kind ein Segen ist. Dieses Kind kommt nicht zu mir zurück und das werde ich immer bedauern.
Ich bin sehr dankbar, dass ich inzwischen Vergebung gefunden habe und ich mich auf den Weg der Heilung begeben konnte. Ich war eigentlich nicht gläubig und nicht religiös. Aber nach der Abtreibung richtete ich eine Ecke zum Beten für mein abgetriebenes Kind ein, beinahe intuitiv. Ich lies schnell nach im Gebet, das Leben ging weiter und ich lenkte mich ab, es gab genug zu tun. Erst einige Monate später öffnete ich mich endlich einem Menschen, den ich respektierte und der mir sagte, was ich mich nicht selber traute zu sagen: Geh beichten. Bitte um Vergebung. Er weinte um mein Kind. Endlich! Endlich sah jemand mein Kind und meine Schuld. Mir viel ein Stein vom Herzen, der Bann des Schweigens war gebrochen. Und ja, ich ging zur Beichte. Wieder und wieder. Ich empfing die Vergebung, nach der ich mich so gesehnt hatte. Ich konnte ehrlich sein, mit mir selber und mit anderen, und das Kind wurde endlich betrauert.
Meine Sicht zu ändern und mich nicht mehr als ohnmächtig in Anbetracht meiner Lebensumstände zu sehen, sondern mich vielmehr als mündig und fähig zu einer mutigen Entscheidung zu wissen, allen Schwierigkeiten zum Trotze, macht mich stark. Damals wusste ich all das nicht. Niemand hatte mir geholfen, eine solche Perspektive anzunehmen. Es hat mein Kind das Leben gekostet. Ich wünschte, ich hätte auf mein Gewissen gehört, ich wünschte einfach, dass mein Kind da wäre. Die Schwierigkeiten und Ängste stehen jetzt völlig im Hintergrund. Das einzige, was geblieben ist, ist der Verlust dieses einzigartigen Menschen.
Ich wünsche jeder Mama, dass sie auf ihrem Weg, vor allem an den dunklen und steinigen Stellen, Mutmacher zur Seite hat, die ihr helfen, sich aus der Ratlosigkeit zu befreien und zu einer Haltung des Mutes zu finden, aus der sie alle Möglichkeiten erkennen kann, die ihr und ihrem Kind das Leben ermöglichen.
Mittlerweile durfte ich wieder Mutter werden. Ich hatte zunächst Angst, dass mir dieses Geschenk verwehrt bleibt, denn ich hatte es ja so missachtet und auf jede Art und Weise abgelehnt, es mit Füßen getreten und herabgewürdigt. Und doch, die Vergebung ist so groß, so überwältigend, dass ich tatsächlich wieder Kinder bekommen durfte, ein so unverdientes, freies Geschenk.